Hanna und die Zauberer

Freunde kannst du dir aussuchen, die Familie hast du am Hals. Ob du willst oder nicht.

 

Ein Vater, jetzt schwul, vier Brüder – zwei vor und zwei hinter mir geboren – und eine Mutter, die in ihren eigenen Bildern verschwunden ist. Ich bin die Mitte, stets die Mitte von allem in dem Chaos bei uns. Ich könnte mich direkt als goldene Mitte bezeichnen. Gäbe meinem Leben mehr Sinn als das ›XoXo‹.

 

Ich reiße das Auto nach links zum Randstein, beinahe hätte der Idiot aus der Seitengasse meinen vergreisten Ford touchiert, von Vorfahrt hat der wohl noch nichts gehört. An der Kreuzung Taborstraße und Heinestraße steht er neben mir im Rot. Apropos Männer!

Kurble die Scheibe runter und brülle in die eisige Februarnacht: »Arschloch!«

 

Der dreht auch runter, sobald es orange wird, grinst, tippt zum Gruß mit dem Finger an die Stirn. »Angenehm, Wächter mein Name.« Flitzt los, kaum ist die Ampel grün.

Hat sich ja richtig gelohnt. Ich muss lachen, Ärger vorbei. Bin auch viel zu müde dafür um halb fünf morgens, fahre weiter und kurve nahe meiner Wohnung durch die Innenstadt auf der Suche nach einem verdammten Parkplatz. Um die Zeit schlafen noch alle Autobesitzer, und ich würde so gern in der Nähe stehen bei der Kälte. Während ich einen Kreis nach dem anderen drehe, gähne, mir die Augen reibe, kommt mir wieder meine Chefin in den Sinn.

Hilde. Sie ist schon eine coole Socke, hat ein Herz wie ein Bergwerk, wie man so sagt, und ist zu mir wie eine Mutter. Und Kuh. Mutterkuh. Schimpft ja auch so mit mir. Wenn sie nichts kann, das kann sie. Steck ich weg, absolut.

Ich habe sie mitgenommen zu Mamas Vernissage, also der soeben aus Papas Abgang auferstandenen Künstlerin ›Irena von Wilmershausen‹. Was soll ich sagen, die Peinlichkeit hätte ich mir gern geschenkt.

Aus Mutter Irene ohne ›von‹ war Irena von Wilmershausen geworden, die als Geistwesen in bodenlangem Plissee durch die Räume schwebte und ständig »ach, wie entzückend« als Botschaft verkündete. Selbst mein Herpes, der meinen Mund wie ein Kamelmaul aussehen ließ, hat diesen salbungsvollen Spruch abbekommen.

Seither fühlt sich Hilde bemüßigt, mich unter ihre Fittiche zu nehmen und behandelt mich wie eine Waise. Ist ja auch irgendwie so, wenn Eltern plötzlich zu Fremden werden.

»Mag sein«, sagte Hilde damals, »dass sie eine tolle Malerin ist, Hanna, aber … etwas abwesend, oder?« Im ›XoXo‹ hätte sie wahrscheinlich zu mir gesagt: »Wo hast du dein Hirn gelassen?«

Ich würde ja ›verhuscht‹ zu Mamas Wesensart sagen; Hilde formulierte es höflicher. Das war vor zwei Jahren.

 

Im selben Jahr ist Tobias erkrankt, es war Februar, wie jetzt, kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag. Ich bin oft verheult im ›XoXo‹ aufgetaucht, weil ich es nicht auf die Reihe bekam. Was für eine Seuche in der Familie! Als ich Hilde gleich nach der Diagnose davon erzählte, nahm sie mich an ihre Brust und zitierte Thomas von Aquin ‒ gebildet kann sie auch. Macht sie bei mir nur selten, klar, ich habe ja keinen Abschluss oder so.

»Fünf Heilmittel gegen Schmerzen und Traurigkeit: Tränen, das Mitleid der Freunde, der Wahrheit ins Auge seh’n, schlafen, baden.« Dann schob sie mich auf Armeslänge von sich weg, wischte über meine Tränen und zwickte mich in die Wange. »Ich gebe dir heute Nacht frei, wenn du willst, geh baden und schlafen, Hanna.«

Ich blieb aber, hab eh nicht begriffen, was sie mir damit sagen wollte. Außerdem war Armand irgendwo und ganz allein bleiben, das hätte mich erdrückt.

 

Heute hat Tobi Geburtstag, gewiss erinnere ich mich deswegen daran und auch, weil Hilde mich vorhin zusammengefaltet hat.