wie du doch lieben kannst

das weitet mir die augen
und den geist auch verborgner
schmerz flutet übers brustbein

trag so hohe mauern rund
herum greifst du mich an weichst
warmbehautet auf

räumst stein um stein beiseite
bis ich die arme öffnend vor dir steh
mit meinen heißen tränen

 

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hungrig

bist einem windspiel gleich
das lachen perlmuttklang
ich säume liebentlang
das schimmern deiner haut
feiner als seide aus china

will dich nur zart berühren doch
fährt mir schon der wind hinein
und meine hand greift leere

von der zeit und von dem hunger
nach dir entkernt schaue ich zu
dem tanz auf vielen partys
die deine spiegel sind und weiß
es wird der krug zerschellen

noch siehst im wald vor bäumen du
nicht wie die seidenhaut ermattet
und wie dein lachen brüchig klirrt

aber die berge, die see
sagst du nun denn
ich geh ja ich geh

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Musik: Mendelssohn, Goldellied
Textzeile "ich säume liebentlang" von Else Lasker-Schüler

 

Wie Schwären

Wie Schwären beflecken Gewitterwolken die Nacht.
Erbarmungslose Hitze zwischen den Betttüchern.
Da steigt Böses hoch. Alles Verdrängte. Angst vor Krankheit. Dem Sterben.
Auch ein Wundern, was an Traurigkeiten überlebt wurde im Lauf der Zeit.
Scham.
Dummheit, Hilflosigkeit.
Alles überlebt.
Begangene Gemeinheiten. Und Sehnsucht, mit dem heutigen Wissen zurückzugehen. Vielleicht.

Der Himmel ist gänzlich verkommen zur Finsternis.
Schweißnasses Warten. Ein bisschen Weinen über vieles, auch über das erzwungene Wachen.
Und dann die Trompete.
Heisere Töne aus einem Fenster irgendwo.
Die Klänge des schlaflosen Musikers fluten die Straße.
Sie klettern über Mauern, umarmen: Time after time.

Die Wolken platzen, es regnet.

 

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Musik: Miles Davis, Time after time

 

Eine Dame werd ich nie

Bei mir war immer was zerschlissen
ich weiß nicht, wie es kommen is
ich hab mich hing'setzt, is was g'rissen,
der Blick von Mama, mir war mies.
A recht a patscherts Kind war i,
nein, eine Dame wirst du nie.

Die Pubertät kam auf mich zu,
sie kam mit voller Macht.
Mit Lippenstift und Stöckelschuh
trat ich daneben, da hat's kracht.
Der Lippenstift war auch verschmiert,
die andern ham mi dann sekkiert,
ham g'lacht und dann gehäkertl mi:
Na, na, a Dame wird die nie!

Na gut, hab i ma weiter denkt,
vielleicht schaff ich's mit Flower power.
Hab nur mit Fetzen mich behängt,
die war'n dann a hin und ich sauer.
Dann hab i kifft, mir wurde schlecht,
beim Saufen hab ich g'spieben,
ich fand, das war sehr ungerecht,
viel Laster san mir nicht geblieben.
Na, für a Dame musst noch üben.

Jetzt bin ich in den mittlern Jahren,
viel Sachen hab i schon erlebt,
Schöne und Schlechte darunter waren,
wie halt das Schicksal das Leben webt.
A bissl schlampert, a bissl schleißig,
a bissl schmerzlich, a bissl gut,
das Leben und ich arbeiten fleißig.
Mit 'Dame sein' hab i nix mehr am Hut.

I mach meine Sache, so gut ich's halt kann,
auch patscherte Menschen muss geben,
nur manchmal denk i mir dann und wann:
ab und zu hätt ich's gern eben.
Spaziere durch viele Höhen und Keller,
hab's oft so schwer, im Vergleich.
Mein Leben ist anders als andre, viel greller.
Es ist ganz schön heavy, dafür aber reich!

Aja! I werd ka Dame, des sag i eich gleich!

 

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Vom Altern

Da kannst dich noch so aufbrezeln. Mit Chanel (wie die Marylin seinerzeit) und helfen tut's doch nix.

Als Frau wirst nimmer erkannt. Geschlechtslos, auch wenn die Lippen rot angemalt sind. Dabei ... dabei bist innen drin siebzehn, vielleicht achtzehn, höchstens zwanzig. Nur bemerkt's keiner mehr. Gesehen wird die ältere Dame. Das Grausen könnt einem ja kommen. In einem Topf mit älteren Damen? Ich? Das geht doch nicht! Ich denke, fühle, liebe wie eine junge. Und dann ...
Dann krallt sich eine Skelettklaue um den Hals.

Die Zeit wird knapp
das Grab ruft schon
du wirst a schöne Leich'

singt's mir in den Herzgrund hinein. Auf einmal ist es gleichgültig, dass die bestrickende Schönheit vergangen ist. Der Mensch ist immerhin hier und hat vielleicht noch ein bisserl Zeit.

 

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